Redebeitrag: Feminismus – der Kampf ums Ganze!

Feminismus – der Kampf ums Ganze!
Redebeitrag von autonomen Feministinnen aus NRW

Ich bin Feministin! Diesen Satz würden sowohl Emma Goldman als auch Alice Schwarzer unterschreiben. Ebenso Lady Bitch Ray, Judith Butler, Pussy Riot, Ursula von der Leyen, Sookee, Seyran Ates und Charlotte Roche. Schon diese kurze Aufzählung zeigt, dass zwischen Feminismus und Feminismus Welten liegen können. Deshalb finden wir es angebracht, ein paar Worte darüber zu sagen, was wir als linksradikale feministische Gruppe meinen, wenn wir Feminismus sagen.

Demo 09. März 2013

Feminismus ist für uns eine politische Haltung die weit mehr und anderes umfasst als die Forderung nach gesellschaftlicher Gleichberechtigung von Frauen. Linksradikaler Feminismus bedeutet für uns, den Kampf gegen patriarchale Machtverhältnisse, gegen Sexismus, gegen Homophobie, gegen Transphobie und gegen die Norm der Zweigeschlechtlichkeit zu führen.
Feminismus ist für uns aber auch eine bestimmte Perspektive auf die gesellschaftlichen Zustände. Eine Perspektive, die sich dadurch auszeichnet, dass sie die patriarchale Dimension von Unterdrückung und Gewalt auch in den gesellschaftlichen Diskriminierungsstrukturen in den Blick nimmt, die nicht unmittelbar an Geschlechtszuschreibungen geknüpft sind. Deswegen gehören Antifaschismus und der Kampf gegen Rassismus, gegen Antiziganismus und Antisemitismus für uns ebenso zu unserer feministischen Praxis, wie der Kampf gegen Krieg, Militarismus, Grenzregime, soziale Ausgrenzung und: Kapitalismus als deren Ursache.
Unser politisches Ziel als autonome Feministinnen ist und bleibt, dass alle Menschen in einer herrschaftsfreien und solidarischen Gesellschaft leben können. Und das weltweit!

Auch wenn sich dieses Ziel im Laufe der Zeit für uns nicht verändert hat, so haben sich einige feministische Sichtweisen auf gesellschaftliche Verhältnisse durchaus gewandelt:
Seit dem Einzug von Gendertheorien in die Universitäten und in Teile der feministischen Bewegung Mitte der 90er Jahre, änderten sich für einige feministische Strömungen auch die Schwerpunkte der Auseinandersetzung. Bis Mitte der 90er Jahren standen Themen wie Frauen- und Lesbenfeindlichkeit, der Kampf um das Recht auf Schwangerschaftsabbruch und gegen den Paragrafen 218, sexualisierte Gewalt und internationalistische Solidarität im Mittelpunkt feministischer Politik. Nun rückten queere Theoretiker_innen und Aktivist_innen Normierungen wie Zweigeschlechtlichkeit und Heteronormativität sowie die Dekonstruktion von Geschlechterkategorien in den Vordergrund. Damit wurde das Bewusstsein dafür geöffnet, dass Geschlechter nicht naturgegeben sind, sondern sozial konstruiert, dass es nicht einfach zwei Geschlechter – Männer und Frauen – gibt, sondern viele verschiedene geschlechtliche Identitäten. Das war der erste Schritt auf einem langen Weg zu einer Gesellschaft, in der es keine Geschlechter mehr geben wird.

Das Bewusstsein darüber, dass ,Frau‘ für unsere feministische politische Praxis keine Identifikationskategorie mehr sein kann, wirft die wichtige Frage auf, mit wem wir uns auf welcher inhaltlichen und politischen Grundlage organisieren. Wir wollen uns nicht der herrschenden Geschlechterordnung unterwerfen, nicht in den Kategorien männlich und weiblich denken und leben. In fast allen gesellschaftlichen Bereichen wird aber ständig in diesen Kategorien gedacht und gehandelt.
Dieses Dilemma bestimmt aus unserer feministischen Perspektive jede politische Auseinandersetzung und Praxis: Es kann nicht darum gehen identitäre Bezugspunkte wie die Kategorie ,Frau‘ wieder stark zu machen. Aber zugleich können und werden wir nicht darüber hinweggehen, dass Menschen in dieser Gesellschaft als Frauen – also aufgrund der ihnen zugeschriebenen Geschlechtsidentität – vergewaltigt, angegriffen, ausgebeutet und gedemütigt werden. Gerade bei der Bekämpfung sexualisierter Gewalt finden wir es unerlässlich, gesellschaftliche Realitäten und Machtverhältnisse deutlich zu machen. Das heißt zu benennen, dass Gewalt gegen Frauen nach wie vor hauptsächlich von Männern ausgeübt wird. In diesem Kontext die Begriffe Männer und Frauen nicht zu nutzen, würde die bestehenden gewaltvollen Verhältnisse verwischen.

Queer-feministische Theorien haben wichtige Freiräume eröffnet und uns in unseren politischen Auseinandersetzungen weitergebracht. Zugleich haben wir aber den Eindruck, dass durch die von uns gewollte Auflösung identitärer Kategorien auch Handlungsmöglichkeiten genommen sind. Ein Beispiel hierfür sind die teilweise erbittert geführten Diskussionen um den Erhalt oder die Öffnung von Schutzräumen, also von Räumen die nicht von Männern dominiert werden, die in der Gesellschaft immer noch in der machtvolleren Position sind. Auch der Umgang mit dem Thema Schwangerschaftsabbruch und der damit verbundene Kampf um die Selbstbestimmung über die eigenen reproduktiven Rechte ist im Laufe der letzten 20 Jahre aus dem Blick geraten. Warum eigentlich? Weil weniger Feministinnen von ungewollten Schwangerschaften betroffen sind? Das glauben wir nicht. Wir denken vielmehr, dass am Beispiel von ungewollten Schwangerschaften eines deutlich wird: Die starke Theoretisierung feministischer Debatten führt dazu, dass konkrete Lebensrealitäten nicht mehr benannt werden. Die Vorstellung, dass Geschlechtlichkeit sozial konstruiert ist, stößt bei dem Thema Schwangerschaft an eine materielle Grenze, eine Schwangerschaft lässt sich nicht dekonstruieren: Deshalb sind Gebärmutterbesitzer und Gebärmutterbesitzerinnen gezwungen, sich mit Schwangerschaft, Verhütung, Schwangerschafts-Abbrüchen und Kindern auseinander zu setzen. Deshalb bleibt es leider eine der zentralen politischen Aufgaben feministischer Bewegungen, sich dagegen zu wehren, dass der Staat und die Gesellschaft nach wie vor massiv versuchen, Macht über die reproduktiven Rechte und die körperliche Selbstbestimmung aller Menschen auszuüben!

Was bedeuten diese Überlegungen nun für die politische Praxis? Für uns ist klar, dass feministische Politik immer als eine Doppelstrategie zwischen queerer Theorie und den konkreten patriarchalen Verhältnissen gedacht und realisiert werden muss. Deswegen ist es einerseits wichtig, die queer-theoretischen Erkenntnisse auch auf das eigene Leben zu übertragen. Andererseits braucht es ein Bewusstsein dafür, dass diese theoretischen Erkenntnisse die realen Verhältnisse nicht überholen dürfen, weil diese unser Leben und unsere politische Praxis maßgeblich bestimmen.
Wenn die Theorie die Praxis überholt, wenn das theoretische Wissen keinen Bezug mehr zum realen Leben der meisten Menschen hat, dann sind auch unsere Forderungen nicht mehr nachvollziehbar.
Auch wenn uns bewusst ist, dass wir damit die herrschende Geschlechterordnung reproduzieren, müssen wir die Geschlechterkategorien in bestimmten Situationen nutzen, um strukturelle und individuelle Machtverhältnisse zu benennen und ihre Auswirkungen zu bekämpfen.

Für uns bedeutet das auch, dass Cis-Männer, also Männer die sich nicht als Inter oder Trans verstehen, sich nur dann solidarisch in den Kampf gegen Sexismus einbringen können, wenn sie bereit sind auch ihre eigene Rolle im patriarchalen Machtverhältnis zu reflektieren und zu verändern. Denn während Cis-Männer die Wahl haben, sich mit Sexismus und Patriarchat zu beschäftigen, sind FrauenLesbenInterTrans* durch Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen ständig ganz konkret mit diesen Strukturen konfrontiert. Sie können sich der Auseinandersetzung damit nicht entziehen.
Die feministische Perspektive ist und bleibt unserer Ansicht nach die Perspektive derjenigen, die von patriarchalen Macht- und Gewalt Verhältnissen in dieser Weise negativ betroffen sind.

De Auseinandersetzung mit den eigenen Privilegierungen ist nicht nur in Bezug auf Geschlecht ein unverzichtbarer Bestandteil unserer feministischen Politik. Wir selbst sind z.B. als weiße Deutsche nicht negativ von Rassismus betroffen und damit in einer privilegierten Situation gegenüber denen, die nicht nur mit Sexismus und Patriarchat konfrontiert sind, sondern auch tagtäglich mit rassistischer Diskriminierung und Gewalt zu kämpfen haben. Tatsache ist, dass viele Menschen gerade durch die Verschränkung verschiedener Zuschreibungen in besonderen Maße von Diskriminierung und Gewalt betroffen sind. Deshalb halten wir einen Feminismus, der die eigenen Privilegierungen und die zahlreichen Diskriminierungsstrukturen jenseits geschlechtlicher Zuschreibungen nicht im Blick hat, nicht für die Lösung, sondern für einen Teil des Problems!

Das ist auch der Grund dafür, dass wir uns nicht solidarisch erklären mit feministischen Strömungen, die sich zwar gegen Gewalt gegen Frauen richten, zugleich aber zum Beispiel rassistische Stereotype reproduzieren. Antimuslimischer Rassismus unter einer feministischen Flagge, wie ihn zum Beispiel Alice Schwarzer betreibt, ist für uns unerträglich. Genauso untragbar sind die Aktionen der Gruppe Femen, die vor kurzem in Hamburg Sexarbeit mit Faschismus gleichsetzten. Und auch wenn wir es grundsätzlich gut finden, wenn viele Menschen mit vielfältigen Aktionen zeigen, dass sexistische Gewalt ein Ende haben muss, wollen wir uns nicht mit Kampagnen wie OneBillionRising solidarisieren, die zum Beispiel in ihrem Mobilisierungsvideo mit rassistischen Stereotypen operieren, solidarisieren. Viel zu oft werden auch in Kampagnen wie dem Slutwalk die Ursachen sexualisierter Gewalt verkürzt, falsch oder gar nicht dargestellt. Oft bleibt eine intensive inhaltliche und politische Auseinandersetzung zugunsten einer bunten und medienwirksamen Aktion auf der Strecke.

Wir wünschen uns statt dessen antisexistische und feministische Aktionen, die sich mit allen Facetten der herrschenden Machtverhältnisse beschäftigen. Aktionen, die den sexistischen Normalzustand bekämpfen, ohne andere Diskriminierungsverhältnisse dabei aus den Augen zu verlieren.
Wir wünschen uns eine starke feministische Bewegung, die sich der politischen Auseinandersetzung mit Gewalt gegen FLTI und patriarchaler Unterdrückung stellt. Eine Bewegung, die Gewalt und Diskriminierung von FrauenLesbenInterTrans* genauso bekämpft wie deren Ursachen, nämlich die herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse!

Kein Mensch wird frei sein, bevor nicht alle frei sind!

In diesem Sinne wünschen wir uns allen produktive politische Auseinandersetzungen, eine kraftvolle und entschlossene Demo und einen erfolgreichen Tag!

Kein Gott, kein Staat kein Patriarchat!