Interview zum Thema „Lebensschützer*innen

Geführt auf der Demo letzten Samstag

Was verstehst du unter Lebensschützer*innen? Kannst du die Bezeichnung erklären?

Diesen selbsternannten „Lebensschützer*innen“ geht es um das völlige Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen. Sie nennen das dann den „Schutz des ungeborenen Lebens“. Mit Leben bezeichnen sie in diesem Fall ungeborene Föten. Was mit ausgetragenen, ungewollten Kindern später passiert, ist ihnen relativ egal.
Die organisierte Lebensschutz-Bewegung ist in Deutschland seit den späten 1960er Jahren aktiv und war von Anfang an eng verknüpft mit einer Kritik am Feminismus, an sexueller Selbstbestimmung (vor allem von Frauen) und mit einem konservativen bis zu tiefst reaktionären Weltbild.

Was ist deine Kritik an ihnen?
Demo 09. März 2013
Wenn man ihre Argumente und ihre Stimmungsmache ansieht, dann wird klar: Ihr Kampf ist ein Mittel für eine umfassende Kritik an der heutigen aufgeklärten Gesellschaft, die zumindest in Teilen emanzipiert, säkular und demokratisch ist.
Ihre Welt besteht nur aus zwei Geschlechtern, Männern und Frauen, die im heiligen Bund der Ehe Sex haben und Kinder kriegen sollen. Alles davon abweichende ist tendenziell „unnatürlich“, „ungesund“ bis gefährlich – und soll entweder „wegtherapiert“ oder verboten werden.
Sie lehnen die Errungenschaften sowohl der Aufklärung als auch insbesondere der 68er ab und fühlen sich von ihnen unterdrückt. Sie sehen sich selbst eine heroische Minderheit im Kampf gegen den falschen, degenerierten Mainstream: Sie hetzen gegen eine halluzinierte „Homo-Lobby“, gegen Feministinnen – die das Kinderkriegen verweigern und eindeutige Geschlechtsidentitäten auflösen wollen – und gegen Kommunist_innen, die nicht nur die Sexualität enthemmen sondern angeblich gleich die „christlich-abendländische Werteordnung stürzen wollen.

Aber sind das nicht nur ein paar Spinner, die kein Mensch ernst nehmen muss?
In Münster sind es seit Jahren nur einige wenige, aber umso entschlossenere Hardliner-KatholikInnen, die an diesem 1000 Kreuze Marsch teilnehmen. Gleichzeitig werden es jedes Jahr im September in Berlin immer mehr: Letztes Jahr schaffte es der Bundesverband Lebensrecht über 2000 Menschen zu mobilisieren: Darunter sind dann Katholik_innen, Evangelikale, Freikirchler_innen und konfessionslose Antifeminist_innen und Abtreibungsgegner_innen, immer wieder Mitglieder extrem rechter Parteien. Grußworte kamen aus der CDU und von hohen Vertreterinnen und Vertretern der Kirchen.

Das heißt du siehst auch Verbindungen des organisierten Lebensschutzspektrums zu Nazis und Rechtspopulist*innen?

Ja. Nicht nur in ihrem Kampf gegen 68 und Gendermainstreaming gehen sie personelle und ideologische Koalitionen mit der Neuen Rechten ein: Vor allem die extrem rechte Wochenzeitung „Junge Freiheit“ ist zum Sprachrohr von großen Teilen der organisierten Lebensschutz-Bewegung geworden. Hier zeigen sich die ideologischen Verbindungen ganz klar: ihrer meinung nach führt die demografische Krise zum sogenannten Volkstod. Sprich: zu wenige weiße deutsche Kinder – die Bedrohung des Abendlandes durch „Multi-Kulti“. D.h. da gibt es auf jeden Fall Überschneidungen.

Dennoch bleiben sie doch einfach ein paar wenige Fanatiker_innen, die durch ihre Demonstrationen keinen wirklichen Einfluss haben.

Wenn Lebensschützer_innen nur als Freaks und rückständige Fanatiker_innen beschrieben werden, wird die Wirkung ihrer Bewegung unterschätzt.
Sie haben Einfluss auf Institutionen wie das Bundesverfassungsgericht, lokale und nationale Ethikkommissionen, die politischen Parteien, auf die Gesetzgebung, die Träger von Gesundheitseinrichtungen, aber auch auf Alltagskultur und Meinungsbildung. Sie betreiben massive Lobbyarbeit auf höchsten politischen Ebenen und in den Medien. In Brüssel lancieren sie gerade eine Kampagne, die auf EU-Ebene den Beginn des „Lebens“ und damit seinen bedingungslosen „Schutz“, auch gegen den Willen der Frau festschreiben will – sprich: ein absolutes Abtreibungsverbot.
Sie engagieren sich aber auch in anderen Bereichen, z.B. gegen Präimplantationsdiagnostik, gegen die Exklusion von „Behinderten“, gegen Humangentechnik und Sterbehilfe und schaffen es so immer wieder ihre Themenschwerpunkte zu setzen. Denn dies sind Themen, zu denen große Teile der Linken schweigen oder sich keine Meinung gebildet haben. Es wäre wichtig ihnen nicht das Feld und erst recht nicht die Deutungshoheit überlassen!

Das heißt sie betreiben hauptsächlich sowas wie Lobbyarbeit?

Hauptsächlich, ja. Aber gleichzeitig werden sie auch auf der Straße präsenter: Nicht nur beim Marsch für das Leben, sondern auch vor Kliniken, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen: Hier machen sie Psychoterror gegen Frauen, die abtreiben wollen. In Münster stehen sie 1x im Monat vor einer Praxis und belästigen Schwangere, die auf dem Weg zu einem Abbruch sind. Beratungs- und durchführende Institutionen wie pro familia werden seit Jahren wieder massiv bedroht und mit juristischen Klagen überzogen.

Ich danke dir. Ich denke es sollte allen nochmal deutlich geworden sein, warum wir diese Fundamentalist*innen nicht einfach ignorieren können und wollen, sondern mit aller Vehemenz gegen sie demonstrieren.