Redebeitrag: Mein Körper gehört mir, nicht Deutschland!

von Feminist*innen aus Oldenburg

Im Strafgesetzbuch wird der 16. Abschnitt unter „Straftaten gegen das Leben“ zusammengefasst. Nach Mord und Todschlag folgt der § 218 „Schwangerschaftsabbruch“.
Doch wie kommt es dazu, dass eine schwangere Person mit einer „Straftat gegen das Leben“ konfrontiert wird?

Tatsächlich gibt es den § 218 schon seit 1871. Damals wurde ein Schwangerschaftsabbruch mit Zuchthaus bestraft. 100 Jahre später bekannten sich über 300 Frauen im Stern mit dem Slogan „Ich habe abgetrieben“ um auf das – noch immer geltende – Verbot aufmerksam zu machen. Die Aktion bekam unglaublich viel Aufmerksamkeit und der Druck auf die Politik stieg. Dieser enorme Druck zeigte Wirkung.
Demo 09. März 2013
In der DDR bestand seit 1972 die sogenannte Fristenlösung, nach der ein Schwangerschaftsabbruch bis zur 12ten Woche legal war. Die Politik der BRD orientierte sich zunächst an dieser Regelung. Diese hatte jedoch nur 2 Jahre bestand, denn die CDU/CSU klagte gegen die Fristenlösung und bekam Recht. 1976  wurde in der BRD die Indikationslösung eingeführt. Ein Schwangerschaftsabbruch blieb strafbar, wurde nur dann nicht strafverfolgt, wenn bestimmte vorgegebene Gründe zutrafen. Dagegen leisteten viele Menschen Widerstand, denn es stellte einen erheblichen Rückschritt dar.

Und Heute?
Gibt es ein Recht auf Schwangerschaftsabbruch?

- Nein!
Ein Schwangerschaftsabbruch ist in der BRD immer noch im §218 geregelt. Immer noch gilt ein Schwangerschaftsabbruch als „Straftat gegen das Leben“. Praktisch gilt er als rechtswidrig aber straffrei, wenn die schwangere Person den Abbruch innerhalb von 12 Wochen vornimmt. Außerdem muss sie sich einem Zwangsberatungsgespräch unterziehen.
Auch, wenn die Möglichkeit zu einem Beratungsgespräch wichtig und notwendig ist, haben wir Kritik daran:
1. Der Zwang zur Beratung ist eine Entmündigung!
2. Obwohl die Gespräche ergebnisoffen durchgeführt werden müssen, sollen sie dazu dienen, dass sich die Schwangere FÜR die Schwangerschaft entscheidet.
3. Nach dem Gespräch muss noch drei Tage bis zum Abbruch gewartet werden.
Durch diese Maßnahmen werden die Schwangeren einem enormen Druck ausgesetzt.

Auch, wenn Schwangerschaftsabbrüche möglich und verbreitet sind, sind sie mit vielen praktischen und gesellschaftlichen Schikanen verbunden. Zum Beispiel gibt es in ländlichen Gebieten einen schlechteren Zugang zu Beratungsstellen, und vor allem keine Auswahl.

Und wie oft redet ihr eigentlich über Schwangerschaftsabbrüche?

Wir haben den Eindruck, dass ungewollte Schwangerschaften ein gesellschaftliches Tabu-Thema sind. Auch in Freund_innenkreisen fällte es manchmal schwer darüber zu sprechen.
Dabei wird angenommen, dass jede 3te Schwangerschaft abgebrochen wird. Und das ist keine schlimme Tat, die es zu verheimlichen gilt!
Wir wollen uns nicht der scheinbaren Logik des Gesetzes beugen, das Schwangerschaftsabbrüche potentiell als Straftaten ansieht. Ein Schwangerschaftsabbruch ist kein Verbrechen!

Trotz Einordnung von Schwangerschaftsabbrüchen ins Strafgesetzbuch gibt es Ausnahmen, die die Rechtswidrigkeit aufheben. Eine dieser Ausnahmen ist mit der Behindertenfeindlichkeit dieser Gesellschaft verknüpft. Nur so lässt sich erklären, dass per Pränataldiagnostik mögliche Behinderungen diagnostiziert werden sollen. Ist eine Behinderung zu erwarten, besteht nämlich die Möglichkeit, die Schwangerschaft bis zum letzten Moment abzubrechen.

Und das Erschreckende dabei: obwohl es keine sog. „eugenische Indikation“ als Abbruchsgrund gibt, ist es scheinbar normal, keine Kinder mit Behinderungen bekommen zu wollen.

In was für einer Gesellschaft leben wir eigentlich, in der Menschen nach ihrer Funktionsfähigkeit und kapitalistischen Verwertbarkeit beurteilt werden?

Zum Widerstand
Mit der Einführung des §218 entwickelte sich auch der Widerstand dagegen. Dieser Widerstand hat sich seitdem immer wieder erneuert. Auch jetzt ist es wichtig, Widerstand zu leisten. Es gilt nicht nur für eine Abschaffung des §218 zu kämpfen, sondern auch die erkämpften Möglichkeiten zu verteidigen und vor Rückschritten zu bewahren, wenn, wie heute, Leute wie die christlichen Fundamentalist_innen ihre reaktionären Vorstellungen verbreiten (wollen).

Jede Person muss selbst entscheiden dürfen, ob sie eine Schwangerschaft abbrechen will oder nicht. Und zwar ohne moralischen und psychischen Druck, der von Ärzt_innen, Psycholog_innen, Kirchenvertreter_innen oder sexistischen gesellschaftlichen Strukturen, ausgeübt wird. Wir kämpfen für unser Recht selber zu entscheiden!
Der Paragraph 218 gehört abgeschafft!