Demo in Münster am 22. März 2014

Raise your voice! Your body Your choice – Feministische Inhalte auf die Straße tragen

1000-Kreuze-Märsche
Jedes Jahr laufen fundamentalistische Christ*innen durch Münster. Mit weißen Holzkreuzen bewaffnet beten sie gegen Schwangerschaftsabbrüche, Verhütung, Sex vor der Ehe, Homosexualität und wogegen Menschen fundamentalistischer Ausrichtung sonst noch so sind. Dieser von „europrolife“ organisierte Gebetszug findet dieses Jahr am 22. März statt. Auf den ersten Blick mag der Gebetszug den Eindruck einer skurrilen Veranstaltung erwecken. Die Kreuzeträger*innen erscheinen manchen als gesellschaftlich nicht ernst zu nehmende Minderheit. Tatsächlich ist die Bewegung, die hinter Veranstaltungen wie „1000 Kreuze für das Leben“ steht, aber keine extreme und isolierte Randerscheinung, sondern Teil einer breiteren gesellschaftlichen Entwicklung. Die antiemanzipatorischen und reaktionären Inhalte, für die die Kreuzträger*innen auf die Straße gehen, finden sich in ähnlicher Weise auch im gesellschaftlichen und politischen Mainstream, in den sogenannten bürgerlichen Parteien und zum Teil auch in der extremen Rechten.

Seit 2009 organisiert sich deshalb entschiedener Widerstand gegen den „1000-Kreuze-Marsch“. Mit verschiedenen Aktionsformen wird der Gebetszug kritisch und lautstark begleitet und so entschlossen gegen die reaktionäre Ideologie der Christ*innen protestiert. Im letzten Jahr gab es erstmals eine große und kraftvolle Demonstration des Bündnisses „Gegen 1000 Kreuze“, die den Inhalten der christlichen Fundamentalist*innen eigene feministische und emanzipatorische Positionen durch Aneignung des öffentlichen Raums entgegensetzen konnte. Während wir im Laufe der Jahre immer mehr wurden, wurden die Teilnehmer*innen des „Kreuze-Marsches“ im Laufe der Jahre immer weniger. In anderen Städten verläuft die Entwicklung allerdings anders. In Berlin beispielsweise nehmen an einem vergleichbaren Marsch mittlerweile über 2000 Menschen teil.
Auch deswegen ist es nach wie vor wichtig, nicht nur den Kreuzeträger*innen, sondern allen reaktionären Positionen emanzipatorische Inhalte entgegenzusetzen.

„My body my choice“ bleibt unsere Parole!

Im Gegensatz zu den christlichen Fundamentalist*innen, die Menschen in ihren reproduktiven Rechten einschränken – ihnen also verwehren wollen, über ihren Körper, ihre Sexualität und ihre geschlechtliche Identität frei zu entscheiden –, fordern wir das konsequente Recht auf Selbstbestimmung in allen Fragen zu Körper, Geschlechtlichkeit und Reproduktion. Dazu gehört das Recht auf selbstbestimmte Sexualität ebenso wie die freie Entscheidung darüber, (keine) Kinder zu haben, der Zugang zu sicheren und bezahlbaren Verhütungsmitteln sowie das Recht auf medizinische Versorgung und Behandlung. Selbstbestimmung heißt für uns, eine autonome Entscheidung treffen zu können, und dieses Recht endet erst dort, wo die Selbstbestimmung einer anderen eigenständigen Person anfängt. Eine eigenständige Person entsteht nicht bereits im Moment der Befruchtung einer Eizelle.

Auch gesamtgesellschaftlich ist der Bereich der reproduktiven Rechte ein umkämpftes und reglementiertes Terrain. Die Antworten auf Fragen wie „Wer kann/soll/muss/darf in dieser Gesellschaft Kinder bekommen oder für Kinder sorgen? Welche Menschen werden in welcher Weise in gesellschaftliche Verantwortung genommen oder gedrängt? Wer versucht wie über wessen Körper zu bestimmen? Und welche Föten sollen ausgetragen werden und welche nicht?“ spiegeln sich in gesellschaftlichen Normen wider. Sie schlagen sich in familien-, gesundheits- und sozialpolitischen Maßnahmen wie Betreuungsgeld, Elterngeld, Adoptionsrecht (als heterosexuelles Privileg), (Nicht-)Finanzierung von Verhütungsmitteln und dem erschwerten Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen nieder.

Der staatliche Eingriff in die reproduktiven Rechte der*des Einzelnen zeigt sich zum Beispiel im gesetzlichen Umgang mit Verhütungsmitteln. Als eines der letzten europäischen Länder sperrt sich Deutschland gegen die Aufhebung der Rezeptpflicht für die „Pille danach“. Wer das Medikament benötigt, muss zu einem*r Ärzt*in bzw. einem Krankenhaus Kontakt aufnehmen und kann dort, je nach konfessioneller Ausrichtung der Einrichtung, abgewiesen werden. Der Bundesrat hat im November die Rezeptfreiheit der „Pille danach“ beschlossen. Es fehlt allerdings bisher die Zustimmung der Regierung, die weiterhin an der CDU/CSU scheitert. Religiöse Fundamentalist*innen lehnen die „Pille danach“ grundsätzlich ab, weil es für sie bereits Mord ist, wenn das Einnisten einer befruchteten Eizelle verhindert wird.

(Fundamentalistische) Christ*innen versuchen nicht nur durch „1000-Kreuze-Märsche“, anderen ihre Moralvorstellungen aufzuzwingen. Im Rahmen von sogenannten Gehsteigberatungen belästigen sie außerdem Schwangere und Ärzt*innen vor Kliniken mit Horrorgeschichten über Schwangerschaftsabbrüche und deren vermeintliche Folgen.
Daneben gibt es zunehmend aktive Lobbyarbeit in Politik und Gesellschaft. Immer mehr Beratungsstellen zum Thema Schwangerschaftsabbruch sind in christlicher Trägerschaft. Diese geben vor, ergebnisoffen zu beraten. Bei Betrachtung ihrer Homepages oder dem Besuch in den Beratungseinrichtungen wird aber schnell deutlich, dass die meisten alles dafür tun, dass Schwangere keine Abbrüche vornehmen und alle Föten ausgetragen werden.

Gleiche Scheiße, anderes Etikett

Je nach Ideologie und Weltanschauung werden Angriffe auf die reproduktive Selbstbestimmung der*des Einzelnen unterschiedlich begründet. Christliche Fundamentalist*innen und selbsternannte Lebensschützer*innen ordnen – entsprechend ihrem religiösen Koordinatensystem – das Selbstbestimmungsrecht der Gebärenden dem „Recht jedes ungeborenen Lebens“ und dem vermeintlichen „Willen Gottes“ unter. Rechtspopulist*innen wie Thilo Sarrazin oder Eva Herman bemühen sich im nationalistisch-elitären Interesse vor allem um die Föten deutscher (Bildungs-)Eliten, während die extreme Rechte ihre Reproduktionspolitik am rassistischen Ideal eines „gesunden und reinrassigen Volkskörpers“ orientiert. Aber auch in den Debatten der bürgerlichen Gesellschaft jenseits von Sarrazin und Co. stehen hinter der Frage danach, welche Kinder erwünscht sind und welche nicht, gesellschaftspolitische Interessen und Vorstellungen, die zur Reglementierung der reproduktiven Rechte der*des Einzelnen führen.

Wie hoch das gesellschaftliche Bedürfnis nach „gesunden“/der Norm entsprechenden Föten und Kindern ist, zeigt sich besonders deutlich in der aktuellen medizinischen Forschung und Praxis. Die Deutungshoheit über reproduktive Fragen und darüber, was als ein „lebenswertes“ Leben angesehen wird, wurde weitestgehend in diesen medizinischen Bereich verlagert. Statt die gesellschaftlichen, sozialen und lebenspraktischen Bedingungen für Menschen, die nach medizinischen Maßstäben von der Norm abweichen, zu verbessern, werden immer neue Methoden der pränatalen Diagnostik entwickelt, um so beeinflussen zu können, welche Föten überhaupt ausgetragen werden. Der Druck von Seiten der Medizin und Gesellschaft auf Schwangere, ein vermeintlich behindertes Kind nicht auszutragen, ist hoch. Auch hier wird Schwangeren das Recht auf Selbstbestimmung und die Möglichkeit einer wirklich freien Entscheidung ohne Zwänge, Zeit- und Finanzdruck erschwert. Und hier zeigen sich die Widersprüche besonders deutlich: Sind Schwangerschaftsabbrüche gesellschaftlich immer noch eher verurteilt als akzeptiert und illegal (trotz Aussetzung der Strafbarkeit bis zur 12ten Woche), so werden sie, wenn vermutet wird, dass der Fötus nicht der Norm entspricht, auf einmal legal.
Zu den sogenannten medizinischen Indikationen zählt auch die Diagnose „Trisomie 21“, mit der die Wahrscheinlichkeit recht hoch ist, dass der Fötus mit dem sogenannten Down-Syndrom zur Welt kommt. Aus der Perspektive der Schwangeren mit einer solchen Diagnose entsteht ein großer Druck, die Schwangerschaft abzubrechen. Aus der Perspektive der Menschen mit Trisomie 21 wird durch diesen gesellschaftlichen Druck der Eindruck vermittelt, dass es sie eigentlich gar nicht geben sollte. Auch bei der Wahrscheinlichkeit von Zwischengeschlechtlichkeit raten einige Ärzt*innen zu einem Abbruch. Gewünscht sind lediglich Babys ohne Abweichungen von zentralen gesellschaftlichen Normen.

„Keimzelle der Nation“

Auch in den Debatten um „demographischen Wandel“ und „alternde Gesellschaft“ zeigt sich deutlich, dass alle Entscheidungen rund um das Thema „(Nicht-)Gebären und (Nicht-)Betreuen von Kindern“ keineswegs dem*der Einzelnen überlassen sind. Im Gegenteil wird das Thema „(keine) Kinder“ unmittelbar mit der Frage nach dem Fortbestand der Nation, der Absicherung des gesellschaftlichen Wohlstands und der Aufrechterhaltung des sozialen Friedens verknüpft und damit im schlechtesten Sinne des Wortes zu einer Gemeinschaftsaufgabe erklärt. Ein Ergebnis dieses Prozesses sind familien- und sozialpolitische Steuerungsmaßnahmen, die vor allem auf eines zielen: Gut ausgebildete und gut verdienende Menschen sollen in heterosexuellen Partnerschaften gesunde Kinder gebären und diese zu produktiven, also verwertbaren Mitgliedern der Gesellschaft erziehen.

Obwohl die Realitäten anders aussehen, wird die heterosexuelle Kleinfamilie damit als „Keimzelle der Gesellschaft“ und allein anzustrebendes Ideal aufrechterhalten. Dabei sollte nicht vergessen werden, dass die bürgerliche Kleinfamilie als Ideal erst im Kapitalismus im Zuge der Vereinzelung und der Auslagerung der Arbeitsstätten aufkam. Die heterosexuelle Kleinfamilie gilt nach wie vor als Fundament des Staates und als gesellschaftliches Ideal. Allen, die diesem Ideal nicht hinterherhecheln, soll die Entscheidung „Kinder oder keine“ abgenommen werden. Dies betrifft insbesondere homosexuelle und transidente Menschen, die in dieser Frage auch rechtlich benachteiligt werden. Trotz aller liberalen Lippenbekenntnisse zeigt sich in dieser Diskriminierungspraxis auch die gesellschaftliche Macht der Angst vor Homosexualität und Transidentität. Die Feindschaft gegen homosexuelle und transidente Menschen erhält damit permanent Nährboden.

8. März – Internationaler Frauenkampftag

Zum Zeit­punkt des Auf­ruf­s­chrei­bens sind wir davon aus­ge­gan­gen, dass der Marsch die­ses Jahr am 8. März statt­fin­det. Ist jetzt aber am 22.

Vermutlich ziehen die fundamentalistischen Christ*innen mit ihren reaktionären Inhalten ausgerechnet am 8. März, dem internationalen Frauenkampftag, durch Münster (unser Kenntnisstand zum Zeitpunkt des Aufrufschreibens). Für viele von uns hat dieser Tag nach wie vor eine große Bedeutung, denn seit Anfang des 20. Jahrhunderts werden am 8. März in vielen Ländern dieser Welt Forderungen nach einem besseren Leben jenseits patriarchaler und kapitalistischer Strukturen auf die Straße getragen. Auch wenn für uns die Kategorie Frau nicht (mehr) der wesentliche Bezugspunkt für unseren Kampf um Befreiung ist und wir es für wichtig halten, die Verschränkung und Wirkung verschiedener Diskriminierungsstrukturen (Sexismus, Rassismus …) zu begreifen, beziehen wir uns dennoch nach wie vor auf diesen Frauenkampftag. Dabei geht es uns nicht nur darum, aus einer Notwendigkeit heraus diesen Tag mit feministischen Inhalten zu besetzen. Vielmehr wollen wir sichtbar machen, dass das Festhalten an patriarchalen und kapitalistischen Verhältnissen auch heute noch dazu führt, dass alle Menschen, die diesen Anforderungen nicht entsprechen oder widersprechen, den unterschiedlichsten Formen von Diskriminierungen ausgesetzt sind. Diese gesellschaftlichen Diskriminierungen treffen nicht nur Frauen, sondern u. a. auch Lesben-Trans*-Inter und all jene, die jenseits von Gender-Kategorien ihr Leben gestalten wollen. Ohne die Kämpfe der Frauenbewegungen wären die Lebensbedingungen für FrauenLesbenInterTrans* weltweit noch schlechter, als sie es ohnehin immer noch sind.

What solution? Revolution!

Vieles von dem, was der Kapitalismus an Zerstörungen und Verrohungen hervorbringt, kritisieren auch die fundamentalistischen Christ*innen, die jedes Jahr in Münster aufmarschieren. Auch wenn die Kritik an manchen Punkten auf Missstände zielt, die auch wir kritisieren, wie zum Beispiel die Bewertung von Menschen aufgrund von kapitalistischen Verwertungsinteressen, so sind sowohl die Grundlagen unserer Kritik als auch die Utopien, die wir anstreben, grundlegend verschieden von denen der Christ*innen: Ein entscheidender Bestandteil von Religionen und Staaten ist, dass sie autoritär und repressiv, durch Angst- und Strafandrohungen funktionieren. Wir aber wollen keine Lenkung durch einen vermeintlich besseren Staat, keine moralische oder institutionelle Führung durch vermeintlich göttliche Vorsehung, Religion oder Kirche. Wir kämpfen für eine herrschaftsfreie Gesellschaft mit Menschen, die selbstbestimmt und solidarisch miteinander leben und handeln können.

Kein Gott, kein Staat, kein Patriarchat!

Raise your voice! Your body your choice!

Kommt zur Demo nach Münster am Tag X im März 2014 . 11 Uhr am Bremer Platz (Hinterausgang Hauptbahnhof)

Feministische Inhalte auf die Straße tragen! Für ein selbstbestimmtes Leben und eine herrschaftsfreie Gesellschaft!