Archiv für März 2014

Redebeitrag zu § 218 und der aktuellen Situation in Deutschland

von autonomen Feminstinnen aus NRW – gehalten auf dem Prinzipalmarkt
(Dies ist die vollständige Version der am 22. März gehaltenen Rede. Einzelne Absätze wurden aus Zeitgründen nicht gesprochen, finden sich der Vollständigkeit halber aber in dieser geschriebenen Version.)

Laut Weltgesundheitsorgansation hat jede dritte Frau weltweit im Laufe ihres Lebens einen Schwangerschaftsabbruch. Aufgrund der Kriminalisierung von Abtreibungen werden etwa 20 Millionen Abbrüche im Jahr unter unsicheren Bedingungen durchgeführt. Jedes Jahr sterben um die 48.000 Betroffene an den Folgen einer illegalen und deshalb medizinisch nicht korrekt durchgeführten Abtreibung. Weitere 5 Millionen Betroffene leiden danach an Verletzungen oder Infektionen. Wenn es also hier und heute einen Grund zu trauern gibt, dann sind es die vielen ungewollt Schwangeren, die Jahr für Jahr an nicht fachgerecht durchgeführten Abbrüchen sterben oder an den Folgen solcher Abbrüche leiden.

Abtreibung legalisieren

Auch in Deutschland werden pro Jahr etwa 100.000 Abtreibungen vorgenommen, auch hier sind ungewollte Schwangerschaften und Abbrüche also Lebensrealität. Umso erstaunlicher, dass Schwangerschaftsabbrüche seit Jahren – außer in fundamentalistisch-religiösen Kreisen – kaum mehr Thema sind.

Das war mal anders. (mehr…)

Redebeitrag zu Reproduktionsrechten von Trans*Inter*Queers

Der Redebeitrag wurde von der Gruppe „Dritte Option“ in der Stubengasse/Ecke Salzstraße gehalten.

Christliche Fundamentalist*innen wollen sich heute mal wieder als Retter*innen der Familie darstellen. Sie demonstrieren an dieser Stelle vor allem gegen Schwangerschaftsabbrüche. Doch wenn wir über das Recht darauf keine Kinder zu bekommen sprechen, sollten wir die andere Seite auch nicht vergessen:
Die gleichen Christ*innen, die von hetero-Cismenschen so vehement Kinder und Familie “zum Erhalt des Volkes” einfordern, halluzinieren sich den baldigen Untergang des Abendlandes herbei, sobald auch Homosexuelle, Inter*personen oder Trans*menschen Kinder bekommen möchten. Die sofortige Apokalypse tritt vermutlich ein, wenn schwule Trans*männer, pansexuelle Trans*frauen oder polyamouröse Inter* sich entscheiden, mit Kindern zu leben und sich so den Moralvorstellungen der christlichen Fundamentalist*innen und weiten Teilen der Gesellschaft widersetzen.
Breakout

Noch immer sind Lesben und Schwule in Deutschland vom Adoptionsrecht und der Reproduktionsmedizin weitgehend ausgeschlossen. Ganz zu schweigen von Elternkonstellationen, die nicht Zweierbeziehungen sind. Daran wird sich auch in absehbarer Zeit nichts ändern, sollte nicht wieder einmal das Bundesverfassungsgericht dafür sorgen, dass bürgerliche Rechte für alle durchgesetzt werden. Die Begründung dagegen ist meist, dass das Kindeswohl gefährdet sei, oder auch, dass die Kinder von anderen in der Schule ausgegrenzt würden. Das Wohl der Kinder queerer Eltern ist aber nur deswegen gefährdet, weil die Erwachsenen ihrem Nachwuchs homophobe Scheiße ins Hirn pflanzen.
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Redebeitrag: Fit for fun – Eure Gesundheit macht uns krank

Dieser Redebeitrag wurde von der Emanzipatorischen Antifa Münster in der Ludgeristraße/Ecke Königstraße gehalten.

Es gibt ein zunehmendes Interesse des Staates und der Wirtschaft, in die Reproduktionssphäre der Bürger*innen einzugreifen und diese Sphäre stärker zu kontrollieren. Mit Reproduktionssphäre meinen wir: Diejenige Zeit und Aktivität, die Menschen außerhalb ihrer Lohnarbeit verbringen. Es gab Zeiten, da war es dem Staat relativ egal, ob Menschen sich in dieser Phase erholen und körperlich fit halten oder sich durch Tabak, Alkohol und sonstige Drogen möglicherweise selbst zerstören, da es genug Menschen gab, die die vielen ungelernten Arbeitskräfte in den Fabriken ersetzen konnten. Mit der zunehmenden Ausdifferenzierung des Arbeitsmarktes, der immer mehr spezialisierte, schwer ersetzbare Fachkräfte benötigt, weckt auch das Privatleben immer mehr arbeitsmarktpolitische Aufmerksamkeit: Gut ausgebildete Menschen sollen möglichst lange möglichst gesund leben und nicht krank werden – allerdings weniger um ihretwillen, sondern um möglichst durchgängig und lange auf dem Arbeitsmarkt verwertbar zu bleiben. Diese Tendenz zeigt sich in zwei scheinbar widersprüchlichen Entwicklungen: Einerseits die Betonung der Eigenverantwortlichkeit der Individuen für ihre Verwertung und die Erhaltung ihrer Körper bei gleichzeitigem Abbau staatlicher Sozialversicherungsleistungen, andererseits der Ausbau staatlich-repressiver Vorbeugungs- und Zwangsmaßnahmen gegen als per se „selbstzerstörerisch“ definierte Verhaltensweisen.
Gegen Männerbünde

Starten wir mit der Repression. (mehr…)

My body my choice – Demo in Münster

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Demo in der Königstra�e
Am heutigen Samstag demonstrierten in Münster 600 Menschen unter dem Motto „raise your voice – your body, your choice“, um feministische Inhalte in die Öffentlichkeit zu tragen. Organisiert von dem Bündnis „Gegen 1000 Kreuze“ war eine zentrale Forderung unter anderem die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen, welche nach § 218 StGB immer noch illegal sind und nur unter bestimmten Umständen straffrei bleiben. Weiterhin ging es um das Recht auf Selbstbestimmung in allen Fragen zu Sexualität, eigenem Körper, Geschlecht und Beziehung.

Anlass dazu bot der jährlich stattfindende sogenannte „1000 Kreuze Marsch“ von christlich fundamentalistischen Abtreibungsgegner*innen. Laut und kraftvoll lief die emanzipatorische Demonstration vom Hauptbahnhof durch die Innenstadt und über den Prinzipalmarkt und erreichte so viele Menschen in ihrer samstäglichen Routine. Es wurden verschiedene Flyer an Zuschauende verteilt, u.a. der Aufruf der Demonstration und Flyer, die zum Austritt aus der Kirche aufrufen. Zudem gab es Flyer zu „Was tun bei ungewollten Schwangerschaften“. Neben verdutzten Passant*innen konnten wir auch immer wieder beobachten, wie uns am Rand Menschen zuklatschten oder die Faust hoben. Bereits am Hauptbahnhof versuchten 2 Nazis die Demo zu stören, wurden aber von Aktivist*innen sofort und deutlich vertrieben, so dass sie sich in die schützenden Arme der Polizei flüchteten.
Zwischenkundgebung Salzstra�e

Inhaltlich begleitet wurde die Demonstration von vier Redebeiträgen. Der erste bezog sich auf die Tradition des 8. März, da wir ursprünglich davon ausgingen, dass die christlichen Fundamentalist*innen am 8.März auflaufen würden. Der zweite Redebeitrag wurde vor Karstadt von der Gruppe „Dritte Option“ gehalten. Er handelte von den Einschränkungen der Reproduktionsrechte von Inter* und Trans*. Auf dem Prinzipalmarkt schließlich hielten autonome Feministinnen aus NRW einen Redebeitrag zu Schwangerschaftsabbrüchen und der Notwendigkeit ihrer Thematisierung auch in der linken Szene. Den inhaltlichen Abschluss setzte die Emanzipatorische Antifa Münster am Ende der Ludgeriistraße mit einem Beitrag gegen den Gesundheitswahn. Alle Redebeiträge findet ihr in absehbarer Zeit auf dieser Homepage. Ebenso ist derzeit ein Solisampler mit der Demomusik geplant. Sollte es diesen geben, werdet ihr auf der Homepage darüber informiert, bzw. könnt ihr ihn auf den Mobilisierungsveranstaltungen nächstes Jahr erwerben.

An der Äegidiikirche endete die Demonstration mit belegten Broten, einer Ankündigung für die diesjährige Take back the night- Demo in Bremen und etwas Musik. Ebenso grüßten wir die Genoss*innen, die gleichzeitig in Köln gegen den Aufmarsch der „besorgten Eltern“ demonstrierten und von den Front Nationale Ordnern angegriffen wurden.

Teil II des Tages

Gegen 14:30 Uhr sammelten sich schließlich die fundamentalistischen Christ*innen an der Äegidiikirche zur Kreuzausgabe. Erschreckend viele waren dieses Jahr anwesend, wir zählten um die 200. Nachdem die Teilnehmer*innenzahl die letzten Jahre eher rückläufig war, scheint die Szene dieses Jahr einen deutlichen Aufschwung zu erleben. Vermutlich auch beflügelt durch die Proteste gegen den Bildungsplan in Baden-Württemberg und gegen den Sexualkundeunterricht in NRW.

Wie bereits im letzten Jahr war die Polizei überfordert mit der Situation, was sie vor allem aggressiv werden lies. Sie schubsten, schlugen und nahmen recht brutal Menschen fest. Das konnte den Großteil der Protestierenden allerdings nicht davon abhalten den Aufzug wie gewohnt mit Konfetti, Kondomen, Glitzer und lautstarken Rufen, Trommeln und Pfeifen zu begleiten. Vereinzelt gelang es Leuten sich unter die Fundamentalist*innen zu mischen und Kondome über die Kreuze zu ziehen.

Erfreulich war, dass der Aufzug die geplante Route abkürzen musste und nicht den gewohnten Rosenabwurf in die Aa vornehmen konnte. Wie bereits 2011 warteten auf der Brücke nämlich bereits zu viele Menschen, die im Vorfeld auch ein Netz in die Aa gehängt hatten um die Rosenblätter rauszufischen. Auch ein Transpi mit der Aufschrift „Tor zur Hölle“ fand sich dort. So zogen die Fundamentalist*innen direkt zu dem Denkmal von Kardinal von Galen und warfen sich ihm zu Füßen. Sein Kreuz war erfreulicherweise von Aktivist*innen im Vorfeld zu Gendersymbolen umdekoriert worden und seine Brust zierte die Aufschrift „Dritte Option“.
Unter langen „Ihr könnt zur Hölle fahrn“ und anderen Rufen packten die Fundamentalist*innen schließlich ihre Sachen und verzogen sich.

Wir freuen uns, dass erneut so viele Menschen mit uns für ein selbstbestimmtes Leben demonstriert haben. Wir sehen selten Demos, die soviel Unterschiedlichkeit vereinen, so lautstark durch die Gegend ziehen und auf denen so viele unterschiedliche Sachen verteilt werden (von Muffins, über Konfetti, inhaltlichen Flyer bis hin zu verschiedenen Postkarten mit Transpimotiven des letzten Jahres). Wir hoffen darauf, dass sich diese Demonstration etablieren wird und bedanken uns bei allen, die mitgeholfen haben den Tag so zu gestalten.

Falls ihr Probleme mit der Polizei hattet oder ihr im Nachlauf mit Repression konfrontiert werdet, wendet euch an die Schwarz-Rote-Hilfe in Münster.

Bis zum nächsten Jahr, wenn es wieder heißt: „Höllo, wir sind wieder da!“

P.S.: Wir haben beim Auftakt einen Schlüssel mit einem Legomenschen dran gefunden. Wir werden ihn die Tage ins Münsteraner Fundbüro bringen.

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